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Kälte, Nässe und Wind – warum Pferde im Winter manchmal steifer wirken

Autorenbild: Kerstin Stoltenberg
Kerstin Stoltenberg
15. Okt.
6 Min. Lesezeit

Wenn die Temperaturen sinken, verändert sich für unsere Pferde oft mehr als nur das Wetter.

„Im Winter ist mein Pferd immer so steif.“

Diesen Satz hört man in der kalten Jahreszeit recht häufig. Vielleicht kennst du es auch: Dein Pferd braucht beim Reiten länger, bis es sich locker und geschmeidig anfühlt. Die ersten Schritte wirken etwas kürzer, der Rücken scheint weniger mitzuschwingen oder die Muskulatur fühlt sich beim Putzen fester an als im Sommer.

Aber liegt das tatsächlich an der Kälte?

Oder verändert der Winter vor allem die Bedingungen, unter denen sich unsere Pferde bewegen?

Und welche Rolle spielen dabei Nässe und Wind?

„Pferde erzählen uns jeden Tag, wie es ihnen geht. Wir müssen nur lernen, ihre Sprache zu verstehen.“

Aus meiner Wissensreihe „Pferdegesundheit verstehen“

Genau deshalb möchte ich in diesem Teil etwas genauer hinschauen: Was verändert sich im Winter tatsächlich – und was können wir aus dem Bewegungsverhalten unseres Pferdes ablesen?


Wirkt ein Pferd im Winter steifer, liegt das nicht zwangsläufig an der Kälte. Weniger Bewegung, längere Sandzeiten, Nässe, Wind und veränderte Bodenverhältnisse können ebenfalls eine Rolle spielen.


Macht Kälte die Muskulatur steif?

Ganz so einfach ist es nicht.

Der Körper eines Pferdes verfügt über eine sehr gute Thermoregulation. Ein gesundes Pferd kann sich innerhalb gewisser Grenzen an niedrige Temperaturen anpassen. Fell, Hautdurchblutung, Stoffwechsel und Bewegung helfen dabei, die Körpertemperatur stabil zu halten.

Das Winterfell spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Haare können sich aufrichten und so eine isolierende Luftschicht bilden, die dabei hilft, die Körperwärme zu halten.

Wird das Fell jedoch stark durchnässt oder kommt kräftiger Wind hinzu, können sich die Bedingungen verändern. Die isolierende Wirkung des Fells kann beeinträchtigt werden und der Wärmeverlust zunehmen.

Deshalb ist ein trockener, kalter Wintertag nicht unbedingt mit einem nasskalten und windigen Tag vergleichbar.

Auch niedrige Temperaturen selbst können Einfluss darauf haben, wie sich Muskulatur und Bewegung anfühlen. Bei Kälte verändert der Körper unter anderem die Durchblutung oberflächlicher Gewebe, um Wärmeverluste zu begrenzen.

Das bedeutet aber nicht automatisch:

Kälte = verspannte Muskulatur oder Blockaden.

Viel häufiger lohnt sich ein Blick auf das Gesamtbild.

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Im Winter verändert sich oft die Bewegung

Für mich ist das einer der wichtigsten Punkte.

Viele Pferde bewegen sich im Winter anders als im Sommer – und manchmal schlicht weniger.

Weiden werden geschlossen oder nur eingeschränkt genutzt. Paddocks sind kleiner. Böden sind matschig, tief, gefroren oder rutschig. Pferde stehen häufiger an der Heuraufe und legen möglicherweise weniger Strecke zurück.

Auch wir Menschen verändern unseren Alltag.

Es wird früh dunkel, das Wetter ist ungemütlich, der Reitplatz steht vielleicht unter Wasser und ein Spaziergang im Dunkeln ist nicht überall möglich.

So kann aus vielen kleinen Veränderungen am Ende deutlich weniger Alltagsbewegung entstehen.

Und genau diese fehlende Bewegung kann sich auf Muskulatur, Gelenkbeweglichkeit und das gesamte Bewegungsverhalten auswirken.

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Matsch und rutschige Böden verändern Bewegungsmuster

Ein weiterer Punkt wird häufig unterschätzt: Pferde passen ihre Bewegungen dem Untergrund an.

Auf tiefem Matsch, gefrorenen Flächen oder rutschigem Boden bewegt sich ein Pferd möglicherweise vorsichtiger. Schritte können kürzer werden, Wendungen bedächtiger und manche Bewegungen werden vermieden.

Das ist zunächst eine sinnvolle Reaktion des Körpers.

Problematisch kann es werden, wenn solche Bedingungen über längere Zeit bestehen und das Pferd deshalb dauerhaft weniger oder einseitiger bewegt wird.

Deshalb schaue ich bei einem Pferd, das im Winter plötzlich „steifer“ wirkt, nicht nur auf seine Muskulatur.

Ich frage mich auch:

Wie sieht sein Alltag gerade aus?

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Aufwärmen darf im Winter etwas mehr Zeit bekommen

Gerade an kalten Tagen lohnt es sich, dem Pferd genügend Zeit zu geben, in Bewegung zu kommen.

Das bedeutet nicht, dass jedes Pferd erst eine halbe Stunde Schritt gehen muss. Wie lange ein Pferd zum Aufwärmen benötigt, hängt unter anderem von Alter, Trainingszustand, Haltung, Gesundheitszustand und der geplanten Belastung ab.

Ein Senior kann andere Bedürfnisse haben als ein junges, gut trainiertes Pferd. Ein Pferd, das sich den ganzen Tag frei auf einer großen Fläche bewegt, startet unter Umständen anders in die Arbeit als ein Pferd, das zuvor längere Zeit wenig Bewegung hatte.

Ich finde deshalb wichtiger als eine feste Minutenzahl:

Beobachte dein Pferd.

Werden die Schritte allmählich länger und raumgreifender?

Beginnt der Rücken mehr mitzuschwingen?

Bewegt sich dein Pferd zunehmend losgelassen?

Fühlt es sich nach einigen Minuten deutlich geschmeidiger an?

Das sind oft die wertvolleren Hinweise als die Uhr am Handgelenk.

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Was hat das mit Pferdeosteopathie zu tun?

In meiner osteopathischen Arbeit betrachte ich nicht nur eine einzelne Körperregion.

Wenn ein Pferd beispielsweise im Rücken fest erscheint oder die Hinterhand weniger beweglich wirkt, interessiert mich auch, wie es gehalten und bewegt wird, wie die Böden beschaffen sind und ob sich im Alltag etwas verändert hat.

Gerade im Winter können viele kleine Faktoren zusammenkommen.

Weniger freie Bewegung, vorsichtiges Laufen auf schlechtem Untergrund, längere Standzeiten oder ein verändertes Training können dazu beitragen, dass ein Pferd sich anders bewegt.

Deshalb würde ich nicht pauschal sagen:

„Das Pferd ist wegen der Kälte blockiert.“

Viel sinnvoller finde ich die Frage:

Was hat sich für dieses Pferd verändert – und was erzählt mir sein Bewegungsverhalten darüber?

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Mein kleiner Winter-Bewegungscheck

Wenn dein Pferd in der kalten Jahreszeit steifer wirkt, kannst du einmal auf folgende Punkte achten:

  • Wie viel freie Bewegung hat mein Pferd momentan tatsächlich?

  • Hat sich die Größe oder Beschaffenheit seiner Bewegungsfläche verändert?

  • Sind die Böden matschig, tief, hart oder rutschig?

  • Steht mein Pferd deutlich länger als im Sommer?

  • Gebe ich ihm vor der eigentlichen Arbeit genügend Zeit, sich einzulaufen?

  • Wird mein Pferd während der Bewegung zunehmend lockerer?

  • Gibt es Unterschiede zwischen kalten, nassen, windigen und trockenen Tagen?

  • Hat mein Pferd ausreichend Schutz vor Nässe und Wind?

  • Ist die Steifheit nur zu Beginn vorhanden – oder bleibt sie während der gesamten Bewegung bestehen?

  • Gibt es weitere Veränderungen wie Taktunreinheiten, Schmerzreaktionen, Leistungsabfall oder eine auffällige Schonhaltung?

Gerade der letzte Punkt ist wichtig.

Nicht jede Veränderung im Winter ist einfach „dem Wetter geschuldet“.

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Wenn „wintersteif“ vielleicht doch etwas anderes bedeutet

Ein Pferd, das einige Minuten benötigt, um in einen geschmeidigen Bewegungsablauf zu finden, ist etwas anderes als ein Pferd, das dauerhaft auffällig läuft.

Deutliche oder neu auftretende Bewegungsunregelmäßigkeiten, Lahmheit, Schmerzreaktionen oder eine zunehmende Verschlechterung sollten nicht mit „Das ist eben im Winter so“ erklärt werden.

Auch bei älteren Pferden lohnt sich genaues Hinschauen. Veränderungen an Gelenken oder anderen Strukturen können dazu führen, dass Kälte, weniger Bewegung und längere Ruhephasen stärker auffallen.

Der Winter verursacht dann nicht zwangsläufig das eigentliche Problem – er kann aber dazu führen, dass bereits bestehende Einschränkungen deutlicher sichtbar werden.


Pferd bei ruhigem Spaziergang im Winter

Auch ein ruhiger Spaziergang bringt Bewegung in den Winteralltag. Es muss nicht immer Training sein - wichtig ist, Bewegung dort zu ermöglichen, wo sie sicher und sinnvoll ist.


Kleine Dinge können im Winter viel bewirken

Nicht jeder Wintertag eignet sich für ausgiebiges Training.

Und das muss er auch nicht.

Manchmal können schon kleine Bewegungseinheiten sinnvoll sein: ein Spaziergang, einige ruhige Übungen vom Boden, ein paar Stangen im Schritt oder bewusstes Führen auf großen Linien.

Es geht nicht darum, bei jedem Wetter ein Trainingsprogramm durchzuziehen.

Es geht darum, Bewegung dort zu ermöglichen, wo sie sicher und sinnvoll ist.

Auch der Schutz vor der Witterung gehört für mich dazu. Ein trockener Unterstand, Windschutz und die Möglichkeit, sich ausreichend zu bewegen, können im Winter ebenso wichtig sein wie das eigentliche Training.

Denn vielleicht ist unser Pferd im Winter gar nicht einfach „steifer“.

Vielleicht bewegt es sich unter winterlichen Bedingungen nur anders – und braucht von uns etwas mehr Zeit, Aufmerksamkeit und ein gutes Auge dafür, was ihm gerade guttut.

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Und was ist mit der Decke?

Gerade bei Kälte, Nässe und Wind stellt sich irgendwann fast automatisch die Frage:

Braucht mein Pferd jetzt eine Decke?

Auch darauf gibt es keine Antwort, die für jedes Pferd passt.

Alter, Gesundheitszustand, Fell, Haltung, Witterung, Bewegungsmöglichkeiten und das individuelle Pferd spielen dabei eine Rolle.

Deshalb möchte ich das Thema Eindecken im Winter nicht mit einem einfachen „ja“ oder „nein“ beantworten.

Wann eine Decke sinnvoll sein kann, wann ein gesundes Pferd gut ohne sie zurechtkommt und woran wir erkennen können, was unser eigenes Pferd braucht, schauen wir uns in einem eigenen Teil von „Pferdegesundheit verstehen“genauer an.

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Mein Gedanke zum Schluss

Der Satz „Mein Pferd ist im Winter eben steif“ ist schnell gesagt.

Ich finde es spannender, genauer hinzuschauen.

Wie bewegt sich mein Pferd?

Was hat sich in seinem Alltag verändert?

Wie viel freie Bewegung hat es?

Wie sind die Bodenverhältnisse?

Ist es vor Nässe und Wind geschützt?

Und wie fühlt es sich nach einer angemessenen Aufwärmphase an?

Denn genau darum geht es mir bei „Pferdegesundheit verstehen“:

Nicht hinter jeder Veränderung sofort ein Problem zu vermuten – aber Veränderungen auch nicht vorschnell mit einer einfachen Erklärung abzutun.

Beobachten. Zusammenhänge erkennen. Und das einzelne Pferd betrachten.

 
 
 

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